Das hört sich ziemlich ernst an und während meines Engagements für Sudbury Schulen die letzten Jahre erlebte ich diesbezüglich viele Diskussionen. Auch ich erinnere, wie ich manchmal diesem Komitee kritisch gegenüber stand. Sollte man es nicht anders nennen? Wieso läuft es so ab, wie in einem Gericht? Wenn Regelverstöße stattfinden, gibt es dahinter doch einen Grund?
Es gibt sicher viele Wege, diese Komitees zu gestalten, und auch in der ganzen demokratischen Schulbewegung wird es unterschiedlich gelebt. In den meisten Sudbury Schulen jedoch wird es das Justizkomitee oder Rechtskomitee genannt. Während meiner Reise konnte ich mich mehr und mehr damit anfreunden. Wenn ich es erlebe, denke ich mir manchmal, es ist wie ein ernstes Spiel. Für eine Schule, in welcher Schüler sich so frei bewegen und keiner Kontrolle unterliegen, ist es mit das wichtigste Komitee. Es braucht eine Instanz, die sich darum kümmert, dass die Rechte jedes einzelnen geschützt werden. Es hilft den Schülern sich an diesem Ort sicher zu fühlen. Und dieses Komitee prüft einfach, ob ein Regelverstoß stattgefunden hat, verteilt Warnungen oder Konsequenten. Es kümmert sich nicht um das „Warum“. Immer wieder erlebe ich aber auch, dass z.B. bei schwierigeren Konflikten unter Schulmitgliedern das Komitee auch eine Mediation empfehlen kann, welche außerhalb dieses Komitees stattfindet.
Sehr interessant ist die Art, wie die Kinder gelernt haben, die Bedürfnisse der Gesellschaft von ihren persönlichen Bedürfnissen zu trennen. Jeder weiß, dass das Funktionieren der Schule von der Akzeptanz der durch die Schulversammlung beschlossenen Regeln abhängt. Das ist der geschäftliche Teil des Systems. Das heißt für jeden Einzelnen, dass er helfen muss, die Gesetze durchzusetzen, gerecht zu urteilen, und dass er wahrheitsgemäß aussagen muss, auch wenn ein Freund an der Angelegenheit beteiligt ist. Sobald das offizielle Verfahren vorüber ist, tritt wieder die persönliche Seite in den Vordergrund. Freundschaften gehen weiter wie vorher, ohne Unterbrechung.
Immer und immer wieder habe ich gesehen, wie enge Freunde in einem Rechtsstreit vor dem Rechtskomitee bitter aufeinanderstießen, dann aus der Sitzung kamen und zusammen spielten oder arbeiteten, als wäre nichts geschehen. Für neue Schüler – vor allem für jene, die von anderen Schulen zu uns wechseln – ist das der am schwersten zu bewältigende Teil von Sudbury Valley.
Sie sind eine „Wir-gegen-sie“-Mentalität an der Schule gewohnt, wo jeder, der gegen einen Mitschüler aussagt, eine „Petze“ ist. Manchmal brauchen Neulinge eine Weile, um sich anzupassen, aber letztendlich schaffen sie es eigentlich alle. Anders würde es gar nicht gehen.
(Daniel Greenberg, Endlich frei!, S. 16 f.)
