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Der Übergang zur Selbstbestimmung
„Mir ist langweilig“
Wenn Schüler auf eine Sudbury Schule wechseln, ist eine der schwierigsten Herausforderungen, der sie gegenüberstehen, der Übergang von der bisherigen Schulstruktur zu einer, in der sie selbst für ihre Bildung verantwortlich sind.
Es ist für die Familien eine große Herausforderung, den Umwälzungen des Übergangs gegenüberzustehen. Jeder Schüler und jede Familie geht ihren eigenen, einzigartigen Weg, wenn der Schüler von einer anderen Schule an eine Schule des Sudbury-Typs wechselt und sich auf sie umstellt. Deborah Lundbech hat mehr als 10 Jahre an einer Sudbury School in Bristol (USA) als Mitarbeiterin gearbeitet. In dieser Zeit hat sie immer wieder den Kampf beobachtet, den neue Schüler und ihre Familien durchleben, und sie sah Muster sich abzeichnen, die einander ähneln, sowie sie folgend berichtet.
Typischerweise wirken Schüler, die gerade gewechselt haben, glücklich und aufgeregt darüber, eine solche Schule zu besuchen. Anfangs erscheinen sie fast euphorisch – die Last ihrer früheren Schule ist abgeworfen, und sie fühlen sich frei und unbeschwert. Während dieser ersten Wochen legen sie oft Wert darauf, mit den Mitarbeitern Kontakt zu haben, Erlebnisse zu teilen, Dinge zu zeigen, an denen sie gearbeitet haben usw.
Häufig merken die Eltern in diesen ersten Wochen an, wie überraschend begierig ihr Sohn oder Tochter darauf ist, zur Schule zu gehen, und wie entspannt sie wirken. In dieser Phase sind die Eltern gewöhnlich froh, dass sie dieses Risiko eingegangen sind, ihre Kinder einzuschreiben, und die Leichtigkeit des Übergangs beruhigt sie.
Dann aber, während der nächsten Phase, scheint es so, als hätten die Schüler die Arbeit eingestellt. Viele beginnen, die Mitarbeiter zu meiden, und wenn sie deren Weg doch kreuzen oder mit ihnen reden müssen, tun sie das so kurz und kühl wie nur möglich. Sie vermeiden sorgsam jeden Blickkontakt. Häufig entscheiden sie sich dafür, ausschließlich einer Aktivität nachzugehen ( Jungen wählen oft den Computer, Mädchen oft das Lesen), jedoch ohne jede erkennbare Leidenschaft, die zu einer wirklichen Beziehung führen könnte. In vielen Fällen betrachten die Eltern das als die schwierige Übergangszeit, vor der sie gewarnt wurden, und sind nicht weiter beunruhigt, im Laufe der Zeit aber machen sie ich zunehmend Sorgen.
Die nächste Phase ist kaum geeignet, Eltern zu beruhigen. Genau gesagt ist oft das der Punkt, an dem die wirkliche Herausforderung kommt. Schüler beginnen ziellos umherzustreifen. Sie vertiefen sich in gar nichts, sondern treiben vielmehr von Raum zu Raum, ständig am Rand der Dinge. Eine häufige Bemerkung von Schülern in dieser Zeit ist „ Mir ist langweilig“.
Sie scheinen ziel- und orientierungslos, unbeteiligt und manchmal wütend. Sie meiden alles, was strukturiert ist oder woran Mitarbeiter beteiligt sind, und sie vermeiden auch weiterhin eine Beziehung zu den Mitarbeitern.
An diesem Punkt ist es nicht ungewöhnlich, dass diese Schüler sich an der Schule mit wiederholten Regelverstößen und einem Austesten der Grenzen abreagieren, was zu zahlreichen Beschwerden an den Untersuchungsausschuss führt. Eltern erzählen in dieser Zeit häufig, dass ihr Kind zu Hause sich darüber beschwert, dass die Schule so langweilig ist.  Diese Periode kann sich über ein paar Wochen hinziehen, aber auch eine lange Zeit andauern. Eltern brauchen in dieser Zeit eine gewaltige Menge Mut, ihren Kindern in dieser Zeit beizustehen. Es ist eine schwere Zeit, zuzusehen, wie sein Kind sich abmüht, unglücklich ist und sich beklagt, und ihm dennoch die Botschaft zu geben: „ Du schaffst das, ich weiß dass Du es kannst“.  Häufig passiert es dann, dass besorgte Kinder, ( oder Schüler, deren Eltern besorgt sind) um einen Kurs oder Einzelunterricht bitten. Hierbei ist aber sehr deutlich zu sehen, dass dieser Wunsch nach Unterricht nur aus der Angst und nicht aus einem wirklichen Interesse erwächst.  Da diese Schüler dies wollen, bekommen sie diese Unterrichtsstunden.
Gleichzeitig  machen sich die Eltern oft gewaltige Sorgen, nicht nur, weil sie sehen, wie ihr Kind akademische Dinge unmotiviert ist, sondern auch weil sie sehen, wie ihr Kind sich treiben lässt. Dieses Stadium kann das Vertrauen der Eltern in die Fähigkeit ihres Kindes, seine eigene Bildung selbst zu bestimmen, auf eine harte Probe stellen.
In der nächsten Phase vollzieht sich eine bemerkenswerte Wandlung. Manchmal ist diese Wandlung langsam und vollzieht sich so allmählich. In anderen Fällen kann man nur über die Schnelligkeit der Veränderung staunen.
Egal, welcher der beiden Wege es war: Die Schüler beginnen, Selbstvertrauen auszustrahlen. Wo sie sich zuvor dürftig und verloren gefühlt hatten, scheinen sie nun von einem Ort zunehmender Stärke und Ruhe zu kommen. Ihre Ruhelosigkeit verschwindet, und sie scheinen in Dinge auf eine neue und konzentrierte Art hineingezogen zu werden.
Die Beschwerden beim Justizkomitee gehen im Allgemeinen sehr zurück, und der Schüler hat ein klares Gefühl dafür, was die Mitarbeiter tun und was nicht, und zu welchen Dingen er als Mitglied der Gemeinschaft und autonomes Individuum die Freiheit hat.  Er fängt an, den Mitarbeitern in die Augen zu sehen, und entwickelt eine aufrichtige, auf Interesse basierende Beziehung zu den Mitarbeitern.
Kinder nach solchem Kampf stark und zielstrebig hervorgehen zu sehen, ist unglaublich bewegend. Dies veranschaulicht sehr schön den Mut und verbissenen Antrieb von Menschen, die, wenn sie die Freiheit dazu haben, sich selbst unablässig herausfordern, um das beste zu erreichen, zu dem sie fähig sind. Für Eltern kann dieses Stadium immer noch sehr unbehaglich sein. Die „Schüler“ beschäftigen sich nicht notwendigerweise „akademisch“ bzw. sie verbringen ihre Zeit nicht so, wie die Eltern es für richtig halten.
Im letzen Stadium erscheinen die Schüler vollkommen sorgenfrei bei allem, womit auch immer sie sich beschäftigen, ob wissenschaftlich oder künstlerisch, gesellig oder allein, unkonventionell oder alltäglich. Es besteht eine Tiefgründigkeit ihres Engagements und Vertrauens, die alles, was sie tun, mit Wert erfüllt. Sie vertiefen sich in eine große Vielzahl von Beschäftigungen. Worin die Schüler sich jedoch bemerkenswert gleichen, ist das auffallende Fehlen von Verlangen nach Bestätigung durch Erwachsene. Einige Schüler beteiligen sich sehr stark an der Leitung der Schule, andere überhaupt nicht. Aber sie scheinen alle großen Respekt und Hochachtung vor dem Ort zu haben, der ihnen erlaubte, ihren eigenen Weg wiederzuentdecken.
Es ist nochmals wichtig zu unterstreichen, dass alle Schüler unterschiedlich sind. Alle Schüler sind in ihrer Vorhergehenden Schule unterschiedlich zurechtgekommen. Aber alle Schüler brauchen Zeit- von einigen Wochen bis zu einigen Jahren-, um sich auf diese Art von Schule umzustellen. Diese Zeit ist ein Geschenk für sie, und die Folge dieses Geschenkes sind bemerkenswerte, selbstsichere Menschen.

 

Ich wünsch' mir eine andere Schule

Film-Reportage in Sat 1 - Lebensformen

Filmbeiträge: Monika Manoutschehri
Moderation: Lui Knoll
Redaktion: Hartmut Joisten

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