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Wie es sich anfühlt, sein Kind auf eine „Freie“ Schule zu schicken

Von Mimsy Sadofsky, Mitgründerin, Mitarbeiterin und Elternteil Sudbury Valley School

Im Laufe der Jahre haben wir festgestellt, dass die Eltern, die sich dafür entscheiden, ihre Kinder auf die Sudbury Valley School zu schicken, sehr wenig mit einander gemeinsam haben. Sie scheinen nicht derselben sozio-ökonomischen Klasse anzugehören. Im Grunde lassen sich die meisten Eltern überhaupt nicht „klassifizieren“; bei den wenigen Informationen, die wir von ihnen erheben, ist das sicherlich auch gar nicht möglich. Es gibt jedoch eindeutig stets mehr Eltern, die Mühe haben, unser bescheidenes Schulgeld zu bezahlen, als Eltern, denen es leicht fällt.

Auch zu Hause haben diese Eltern auf allen Gebieten recht unterschiedliche Vorstellungen, welches Verhalten angemessen ist und welches nicht; zumindest erzählen sie und ihre Kinder uns das so.

Sehr oft handelt es sich um Eltern, die ihre Kinder normalerweise nicht auf Privatschulen schicken würden; das heißt, sie gehören zu jenen, die finden, dass Privatschulen einen Beigeschmack von Elitismus haben, und diesen Beigeschmack finden sie unangenehm.

 Gemeinsam ist unseren Eltern aber das überwältigende Verlangen, für ihre Kinder das bestmögliche zu tun. Auch wenn sie vielleicht nur durch den Druck ihrer Kinder die Methoden des öffentlichen Schulwesens in Frage stellen, sind sie mit der heute üblichen Kindererziehung und Bildung nicht einverstanden.

 Wir haben immer wieder umfassend darüber geschrieben, wie es Kindern erging, die ihre Schulzeit ganz oder teilweise an Sudbury Valley verbracht haben. Es hat sich auch sehr deutlich gezeigt, dass deren Eltern das eigene Leben ähnlich untersuchen wie auch jeder Sudbury-Valley-Schüler im Laufe der Zeit sein eigenes Leben untersuchen muss. Das genügt schon, um viele Eltern zu verschrecken, die nicht bereit sind, diese Herausforderung anzunehmen. Diese Bereitschaft, das eigene Leben völlig neu zu überprüfen, ist wohl eine der wenigen Verallgemeinerungen, die wir über unsere sehr individualistischen Eltern treffen können.

 Sagen wir also, jemand hat sich mit der Philosophie von Sudbury Valley eingehend beschäftigt, vertraut der Neugier und dem Urteilsvermögen seines Kindes, und entscheidet, dieses Kind einzuschreiben. Nun hofft man, mit der Einschreibung hätten die Befürchtungen ein Ende; man hofft, die Entscheidung, volles Vertrauen in das Urteilsvermögen des Kindes zu setzen, bedeutet für die Eltern eine Erleichterung. Und sie sind tatsächlich erleichtert. Aber ebenso auch nicht. Auf einem informellen Treffen der Jahresversammlung sagten Eltern eines Teenagers in dessen zweitem Jahr an Sudbury Valley zu den anderen Eltern:

"Für unseren Sohn ergab die Philosophie dieser Schule so viel Sinn, dass hierher zukommen, ihm gleich in Fleisch und Blut übergegangen ist. Für uns allerdings – langsame Lerner, die wir sind – war die Entscheidung weit mehr eine Tat des Glaubens als des Verstandes. Durch die Werte unserer Eltern, unsere eigenen Bildungserfahrungen und die vorherrschende heutige Denkweise geformt, war klar, dass wir uns von vielen festverwurzelten Erwartungen an das, was Bildung sein sollte, würden trennen müssen, wenn wir „gute“ SVS-Eltern sein wollten.

Wir mussten uns mit dem vertraut machen, was nach unserem Empfinden das Wichtige an einer Schule ist, und den Rest außer Acht lassen. Diese Neuorientierung ist nicht einfach gewesen und bot eine Reihe erschreckender Momente, wie auch einige sehr glückliche. Mir ist klar geworden, dass in vielerlei Hinsicht Hoffnung bloß die Kehrseite von Furcht ist. Wir hoffen, es möge etwas Gutes geschehen, und fürchten gleichzeitig, dass es anders kommen wird. An manchen Tagen liegt die eine Seite der Münze oben, und an anderen die andere. Unter anderem das macht es zu einer ziemlich aufregenden Fahrt in der Gefühls-Achterbahn, besonders im Fall der SVS."

Niemand von uns lebt im luftleeren Raum. Jeder hat Freunde, Verwandte, Eltern, manchmal noch andere Kinder, die das Gefühl haben, wenn man einem Schüler so viele Freiheit lässt, würde man ihm damit sagen, einem wäre gleichgültig, was mit ihm geschieht. So gut wie jeder trifft an seinem Arbeitsplatz oder in seiner Nachbarschaft auf Leute, die eine so mutige Entscheidung als Verzicht auf elterliche Verantwortung ansehen. Und die selben Leute, die Bedenken haben mögen, jemanden zu kritisieren, wenn sie denken, dessen Kind werde zu lange gestillt, oder zu früh in die Tagespflege gegeben, oder nicht gezwungen, nachts durchzuschlafen, haben kein Problem damit, eine Menge Zeit damit zu verbringen, die Bildungsphilosophie zu verunglimpfen, mit der in Einklang zu kommen, die Eltern an Sudbury-Schulen sich so sehr bemühen.

 Teilweise ist das tröstlich. Es eröffnet viele Gelegenheiten für Diskussionen. Teilweise ist es das aber auch nicht, weil viele Leute, mit denen man diese Diskussionen führt, von sehr wenigen Informationen ausgehen und nicht viel darüber nachdenken oder von dem ausgehen, was du ihnen ohne Erfolg erzählt hast. Oder sie gehen mit einer Einstellung in die Diskussion, von der aus viele ihrer Überzeugungen bedroht sind. Jeder der Eltern kennt viele Leute, die felsenfest davon überzeugt sind, dass jene Struktur der Bildung, die ihnen am vertrautesten ist – und das ist fast immer im wesentlichen jene Struktur, in der sich heute die meisten Kinder befinden – dass diese Struktur die einzig mögliche ist, die garantiert, dass wir nicht eine Generation von Wilden produzieren, ungebildeten Wilden obendrein. Sie fühlen sich bedroht von dem Gedanken, die Erwachsenen würden ihre Herrschaft und Kontrolle verlieren, worauf so eine „freie“ Schule ja gegründet ist.

 Aber natürlich fühlen auch wir Eltern uns bedroht. Wir sind den Angriffen all jener anderen ausgesetzt, die uns für verrückt halten, aber auch unseren eigenen Ängsten. Es ist sehr einfach, abstrakt zu sagen: „Klar, ich weiß, dass meine Kinder, während sie aufwachsen, ständig damit beschäftigt sind, etwas zu lernen. Ich begreife das als die menschliche Bestimmung.“ Aber das ist nicht so einfach, wenn die Dinge, mit denen dein Kind die Zeit verbringt – Nintendo zu spielen, im Baum zu spielen oder monatelang über Magic Cards zu brüten –, überhaupt nicht wie das aussehen, das du in dem Alter getan hast, und wenn niemand von ihnen verlangt, dass sie die Hauptstädte der Bundesstaaten lernen, oder wie man einen Satz in seine grammatischen Einzelteile zerlegt.

Ein Kind auf eine solche Schule zu schicken, ist tatsächlich eine mutige und immer noch fast einzigartige Entscheidung. Wir alle wollen, dass unsere Kinder ein noch besseres Leben haben als wir es hatten, egal wie gut unseres war.

 

Ich wünsch' mir eine andere Schule

Film-Reportage in Sat 1 - Lebensformen

Filmbeiträge: Monika Manoutschehri
Moderation: Lui Knoll
Redaktion: Hartmut Joisten

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