| Das Leben nach Sudbury |
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Mein Name ist Michael Sappir. Ich bin 19 Jahre alt und wohne zurzeit in Leipzig. Aufgewachsen bin ich jedoch in Jerusalem (Israel), wo ich auch geboren wurde. Etwa ein Jahr nach meinem Schulabschluss bin ich dann nach Leipzig gezogen. Die Schule, die ich besucht habe, hat noch vor ihrer Gründung angefangen, mein Leben zu verändern.
Als ich zum ersten Mal vom Sudbury-Modell hörte, war ich ein unglücklicher 13-Jähriger. Die Hauptursache für mein Unglücklichsein, das schon seit mehreren Jahre anhielt, war die Schule. Als eine Freundin der Familie meiner Mutter über das Sudbury-Modell erzählte, und dass sie an der Gründung einer solchen Schule in Jerusalem mitarbeitete, wurden wir beide sofort hellhörig. Bald hatten wir uns dem Gründungskomitee angeschlossen. Seit Jahren hatte für mich „Schule“ nichts außer Langeweile und Schikane bedeutet – und plötzlich fand ich mich in Gründungssitzungen wieder, die bis tief in die Nacht andauerten. Ausgerechnet, um eine Schule zu gründen. Sudbury-Schulen sind vollkommen anders als die Schulen, die ich früher besucht hatte. Die Schule wurde nach fast einjähriger Vorbereitung eröffnet, und jeden Tag der nächsten vier Jahre ging ich glücklich dorthin. Sudbury Jerusalem gab mir die Zeit und den Raum, die ich brauchte, um mich kennen zu lernen, um herauszufinden, was ich tun wollte. Ich wünschte bloß, ich hätte dort noch mehr Zeit verbringen können. Während der vier Jahre auf der Sudbury-Schule in Jerusalem habe ich mich viel mit administrativen Aufgaben beschäftigt. Meine Schule war mir derart wichtig, dass ich sicherstellen wollte, dass alles glatt lief. In der übrigen Zeit habe ich Dinge getan, die die Schüler an herkömmlichen Schulen nur während der Pausen tun dürfen: Ich habe mich mit Freunden unterhalten (wovon einige zufällig auch erwachsene Mitarbeiter der Schule waren, die anderen Mitschüler), ich habe Bücher gelesen und Musik gehört, ich habe geschrieben und gespielt. Viel Zeit habe ich einfach mit „Nichtstun“ verbracht – und dachte dabei nach. Während ich diesen Tätigkeiten an der Sudbury-Schule in Jerusalem nachging, habe ich viel mehr gelernt, als in diesem Brief zusammengefasst werden könnte. Der volle Umfang dessen wird mir erst allmählich klar. Seit jeher hatte ich eine Neigung zur Innenschau und zum Nachgrübeln. In dem Alter von fünfzehn habe ich dann entdeckt, dass es sogar einen Berufszweig gibt, der auf dieser Fähigkeit basiert – genannt Philosophie. Außerdem erwachte mein Interesse an Deutschland, woher meine Großmutter stammte. Ich habe mich dann entschieden, nach Deutschland zu gehen und Philosophie zu studieren. Zu diesem Zweck habe ich Deutsch gelernt und das bagrut absolviert, die israelische Entsprechung des Abiturs. Pläne tendieren dazu, sich zu ändern – dies stellt eine wichtige Lebenslektion dar. Einige Monate nach meinem Umzug nach Deutschland habe ich mich entschieden, dass ich nicht mehr Philosophie, sondern Linguistik studieren möchte. Einfach, weil ich sie interessant – gar faszinierend – finde. In einer Sudbury-Schule lernt man, seinem Instinkt zu folgen, jenen Interessen nachzugehen, die dem Herzen am nächsten sind. Alle Kinder werden neugierig geboren. Kinder, die Sudbury-Schulen besuchen, bleiben oft neugierig. Meine jüngeren Geschwister besuchen immer noch die Sudbury-Schule in Jerusalem. Ich kann sie nur darum beneiden, dass sie mehr Jahre dort verbringen können, als ich es konnte. Am besten finde ich, dass mein kleiner Bruder niemals eine andere Schule besuchen musste. Er ist der glücklichste und neugierigste kleine Kerl, den ich je kennen gelernt habe. Die Sudbury-Schulbildung kann ich nur wärmstens befürworten. Ich habe viel Energie aufgewendet, sowohl im Vorfeld als auch während und nach meiner Zeit in der Sudbury-Schule Jerusalem, um diese Schulform zu unterstützen und zu verbreiten. Ich möchte Sie um Ihre aktive Unterstützung bitten – oder zumindest, dass Sie es Ihren Kindern ermöglichen, in einer Sudbury-Schule das freie Lernen und Entdecken zu erfahren. Michael Sappir, |
Filmbeiträge: Monika Manoutschehri
Moderation: Lui Knoll
Redaktion: Hartmut Joisten